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Auszug aus einem Artikel in Weekendavisen von Lisbeth Bonde in Nr. 31 vom 1. August 2008)
„At samles –skilles ad, velkommen og farvel“ auf deutsch etwa: „Zusammenkommen und auseinander gehen, willkommen und lebwohl…“ rhythmisch und ergreifend rezitiert der Autor Jeppe Brixvold (geb. 1968) einen alten Dichter aus Sønderho in einem gefüllten Saal des Versammlungshauses an einem Nachmittag im Juli. Er hat mit zwei hervorragenden Musikern der Stadt ein Ensemble gebildet, Jørgen Bjørslev, klassische Gitarre und Peter Uhrbrand, Geige. In dem vorgetragenen Stück Fusionskunst treffen Tradition und Experiment aufeinander und führen das Publikum an neue Orte. Hier wird lokale Volkskunst behutsam avantgardistisch behandelt ins neue Jahrhundert geleitet. Während das Stück vorgetragen wird, rollen sich Kinder vergnügt auf dem Fuβboden herum, während einige der Erwachsenen auf den Zuhörerplätzen gerührt eine Träne verdrücken. Wir befinden uns im Herzen von Sønderho und erleben hier um uns, wie lebendig eine Jahrhunderte alte Volkskultur ist, die neue Impulse bekommt und energisch und frisch daherkommt.
Trotz seiner bescheidenen Gröβe und nur 340 ganzjährig hier lebenden Einwohnern hat das alte Schifferstädtchen am Wattenmeer kulturell viel zu bieten, wobei Vielseitigkeit und Spannweite beachtenswert sind. Kein Talent kann sich in dieser kleinen Stadt lange verstecken, statt dessen wird es angelockt und herausgefordert. Menschen, die sonst nie miteinander in Berührung gekommen wären, bilden äuβerst produktive Gruppen und schaffen gemeinsam etwas ganz Neues unter den alten Reetdächern des Schifferstädtchens. Der Avantgardekomponist Hans Peter Stubbe Teglbjærg zum Beispiel arbeitet in seine Kompositionen die typischen Geräusche der Insel ein: das Läuten der Kirchenglocken, Geräusche aus den Gassen der Stadt und sogar das Säuseln des Windes um die Muscheln am Strand. Seine Laut-Bilder begleiten manchmal die Gemäldeausstellungen in der Stadt.
Die Vögel zwitschern, die typischen Geräusche des Wattenmeeres hören wir in der Ferne, bei Ebbe ruhen sich die Seehunde auf den Sandbänken aus, Menschen begegnen einander, und in den kleinen Häusern des Städtchens geht man ein und aus. Sønderho zeichnet sich aus durch eine in dörflichen Gemeinschaften seltene Offenheit, und es bedeutet einfach etwas ganz anderes, sich in einer kleinen Stadt zu begegnen als in der Groβstadt.
In den letzten Jahren sind etliche Künstler in die Wattenmeergemeinde gezogen, die wiederum einige Jahre zuvor Gefahr lief, geschlossen zu werden. Heute hat die Stadt etwa 30 schaffende Künstler, die weitere anziehen, besonders in den Sommermonaten. Die Gemeinde Fanø mit ihren 3200 Menschen ist die zweitkleinste Dänemarks, sie hat jedoch ein so dichtes Netz an Einrichtungen für die Bevölkerung, dass sie als Gemeinde mit diesem Niveau an zweiter Stelle liegt. Man verhindert nun, dass weitere Häuser den Status von Sommerhäusern bekommen. Im Gegensatz zu Skagen und Gudhjem, die sich im Winter zu wahren ghost towns verwandeln, brennt in Sønderho in vielen Häusern das Licht, auch wenn die Ferienzeit vorbei ist und obwohl sich die Bevölkerungszahl dann wieder auf ein Zehntel reduziert hat.
Der erste Kulturminister Dänemarks, Julius Bomholt, der 1969 starb, vermachte sein schönes Haus in Sønderho den Schriftstellern. Seitdem können Autoren aus den skandinavischen Ländern hier im „Dichterhaus“ einen Arbeitsaufenthalt verbringen und neue Inspiration und Kraft schöpfen. In den 70er Jahren wohnte der Dichter Sten Kaalø zwei Jahre lang hier. Er soll sogar seine Ziege mitgebracht haben. Ein Aufenthalt im Dichterhaus hat manchen dazu bewogen, sich eine Bleibe in Sønderho zu suchen und überzusiedeln, daher der Spitzname „Dichterfalle“.
Ich treffe das Schriftstellerpaar Lone Hørslev (geb. 1974) und Martin Glaz Serup (geb. 1978), Zugezogene in Sønderho, die mir ihr altes Schifferhaus zeigen und dann im Restaurant Nannas Stue an einem Tisch im Freien erzählen. „Auf Fanø ist die Luft sauber, hier ist mehr Platz, und es ist ja auch sehr ruhig hier im Winter.“ Im ersten Stock des Hauses haben die beiden jeder ein Arbeitszimmer, und das Haus haben sie erst einmal für fünf Jahre gemietet. Ein Jahr ist nun schon um, und Lone Hørslev beschreibt, wie sich beim Schreiben der Raum buchstäblich um sie herum geweitet hat. Bald erscheint ihr zweiter Roman, “Natürliche Feinde“. 2006 bekam Lone Hørslev ein dreijähriges Legat von Statens Kunstfond, und Martin Glaz Serup hat gerade eine Goldmedaille bekommen für seine Abhandlung „Poesie und relationelle Ästhetik“ an der Kopenhagener Universität, wo er auch neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit unterrichten wird. Dass sie viel pendeln werden zwischen Fanø und Kopenhagen, sehen die Künstler nicht als Problem. Es lohnt sich für sie, in Sønderho zu leben, wo die Tage auch länger zu sein scheinen als in der Groβstadt, weil man hier in höherem Maβe sein Tagesprogramm selbst bestimmen kann. „Im Sommer gibt es auf Fanø viel extra Energie, wenn mal dieser mal jener vorbeischaut“, sagt Martin Glaz Serup. Um die Ecke wohnt Jeppe Brixvold mit seiner Familie, und in ein paar Monaten zieht auch der Schriftsteller Lars Skinnebach in ein Haus in der Nachbarschaft.
Ein Grund für die Kunstschaffenden, Sønderho als Wohnort zu wählen, liegt darin, dass sich hier die groβen und kleinen Dinge des Lebens zu Werken verdichten, wenn sich das Individuum in einer rabenschwarzen Nacht mit dem gewaltigen Kosmos konfrontiert sieht wie der Mönch am Meer in Caspar David Friedrichs berühmtem Gemälde von 1810. Das meint jedenfalls der in Norwegen geborene Dichter Sigmund Doksum (geb. 1949), der im März 2008 mit seiner Frau nach Sønderho zog. „In Sønderho hat man die besten Nachbarn der Welt,“ sagt er und erzählt, dass der Maler Knud Odde gerade das Haus neben seinem netten Nachbarn gemietet hat…“Das Ende der Welt ist immer ein Sprungbrett in das Andere: das Meer und den Sternenhimmel, der aussieht, als ob er wie ein Dach über die Erde gezogen wird. Nirgendwo sonst habe ich so viele Sterne gesehen, und das Leben hier ist voller herrlicher Ablenkungen,“ sagt Doksum, der auch das Lesen in Sønderho besonders genieβt. „Die kleine Bücherei, die nur an vier Stunden in der Woche geöffnet ist, ist eine Offenbahrung! Fehlt einem etwas, wird es eben bestellt. Und dann ist es herrlich, Gleichgesinnte ein paar Häuser weiter zu treffen, wobei wir natürlich auch das Privatleben des Anderen respektieren.“
Auch die Malerei hat ihre Tradition auf Fanø, besonders in Sønderho. Wie ein Magnet hat das Städtchen die letzten 150 Jahre auf die Maler gewirkt, und es begann mit den häufigen Besuchen des Marinemalers C.F.Sørensen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Viele sind ihm gefolgt, und vor 100 Jahren war Sønderho ein südliches Gegenstück zu Skagen, nur nicht so mondän. Es war das unverfälschte Volksgut auf der Insel, das die Maler anzog und das Licht, das genau so scharf und weiβ ist wie in Skagen. Im Kunstmuseum in Sønderho, das in einem ehemaligen Kaufmannshof und Farbenfabrik untergebracht ist, kann man viele dieser Bilder sehen. Einige Fundraisere setzen sich dafür ein, dass ein neues, schönes und zeitgemäβes Museum nördlich der Stadt gebaut werden kann. Hanne Kjærholm hat das Museum entworfen, und es wird hoffentlich in angemessener Zeit den geeigneten Rahmen bilden für die reiche Kunstsammlung von Fanø und wechselnde Sonderausstellungen. Der Maler Julius Exner (1825-1910) verbrachte oft die Sommerferien auf Fanø und schilderte das Leben der Menschen auf der Insel. Einige seiner Nachkommen leben weiterhin hier auf der Insel, so die Sängerin und Malerin Marie Louise Exner, Julius Exners Urenkelin, die gerade einige ihrer abstrakt-expressiven Werke im Fanø Kunstmuseum ausstellt, zusammen mit anderen Künstlern, z.B. Finn Hjortskov, ein begabter Kolorist, Mitglied der Künstlergruppe „Kammeraterne“. Er lebt und arbeitet auf einem Hof in Rindby, von wo er über die Wiesen zum Wasser und nach Esbjerg hinüber schaut. Dort sieht man Bohrinseln, Containerschiffe und das Kraftwerk, den gesamten modernen Produktionsapparat, der Traumstädtchen wie Sønderho mit Energie versorgt. Hjortskov schätzt besonders das Licht von Fanø, „dramatisch und wie bei Willumsen“, sagt er. Am Anfang des 20. Jahrhunderts lieβ sich der Maler, Kunstkritiker und Designer Johan Rohde (1856-1935) im Sommer in Sønderho nieder. Sein respektvoll renoviertes Haus gehört heute Christiane Rohde und Per Arnoldi, die sich oft auf der Insel aufhalten. Auch einzelne Künstler von auβerhalb besuchen Fanø jeden Sommer und wohnen z.B. im „Badet“ im Norden der Insel, so der Berliner Maler Anton Henning. Wie beeinflusst Fanø seine Kunst? Ich frage ihn, und er antwortet mir: „Sand im Haar, Sand auf der Haut - und Sand auf den intimeren Teilen des Körpers!“ Anton hat etliche Strandbilder gemalt mit Pin-up girls aus Fanø. Seine realistisch gemalten Bilder sind pikant und humoristisch-kokett. Seit 1957 können dänische Maler im beliebten „Malerhuset“ (Malerhaus) von 1797 für eine Zeit wohnen und arbeiten. Zur Zeit leben die Fotokünstler Trine Søndergaard und Nicolai Howaldt in dem Haus mit den niedrigen Decken. „Zum Glück sind wir zwei Künstler, die sich um einen Aufenthalt in diesem Haus bewerben konnten, somit hatten wir doppelte Chancen,“ sagt Howaldt am Tag vor der Heimreise in die Groβstadt. Trine Søndergaard hat auf Fanø die Tradition der Volkstrachten, insbesondere der Kopfbedeckung für die Frauen untersucht und zu einer Fotoserie verarbeitet. „Struder“ heiβen die alten Hauben, und in Zeiten, in denen die Kopftücher der moslemischen Frauen bei uns für eine anhaltende Debatte sorgen, ist dieses Emblem alter Volkskultur äuβerst interessant und aktuell.
In Sønderho gibt es drei wichtige Punkte, um die sich alles zu drehen scheint. Da ist als erstes die Natur: die südliche Spitze Fanøs „Hønen“ (Huhn), die hohen Dünen mit dem sich im Wind wiegenden Strandhafer, und natürlich das Meer, die Gezeiten im Wattenmeer, im Intervall von sechs Stunden, Ebbe und Flut, wie das langsame Atmen des Meeres.
Der Dichter Georg Brandes, der von Holger Drachmann aufgefordert nach Fanø in das neue, berühmte Kurbad reiste, schrieb in der Zeitung „Politiken“ 1894: „Der Sand ist sauber, die Luft ist sauber. Kommt man aus Kopenhagen, ist es eine wahre Wonne, diesen Westwind einzuatmen, der frisch ist wie das Weltmeer… Die Luft ist so klar, dass alle Personen, die man in der Ferne sieht, viel gröβer erscheinen, als wenn man sie sonst perspektivisch sieht. Sieht man zum Beispiel in der Ferne einen Mann auf einer Düne stehen, so sieht er schlank und hochgewachsen aus wie Holofernes (General, erwähnt im Alten Testament), und die zwei Gestalten, die wohl eine halbe Meile fort auf einer Landzunge stehen, sehen aus wie zwei hohe Pappeln.“
Der zweite Angelpunkt in Sønderho ist das alte, niedrige Gasthaus „Sønderho Kro“ mit französischer Küche und luxuriösen Zimmern mit Blick auf das Meer. Und der dritte wichtige Punkt ist die Galerie „KANT“, die seit 2003 jährlich etwa 6 Ausstellungen gezeigt hat, zum Teil mit namhaften Künstlern, die sich bereits etabliert haben wie Nils Erik Gjerdevik, Pontus Kjerrmann, Jesper Christiansen, John Olsen, Per Arnoldi und Knud Odde aber auch Ausstellungen ganz junger Künstler. Denkt man an die abgeschiedene Lage der Galerie, ist das hohe Niveau der Ausstellungen wirklich eine beachtenswerte Leistung, und nun wird die Galerie zudem noch erweitert! Hier geht es um Kunst, die herausfordert und zu Erkenntnissen führt. Der Name der Galerie bezieht sich einerseits auf die geografische Lage und andererseits auf das, was die Kunst in uns auslöst, wenn wir ihr kritisch gegenübertreten um den Dialog aufzunehmen. Hier hat die Avantgardekunst auf Fanø eine eigene Bühne bekommen, und die Bedeutung der Galerie für das kulturelle Leben auf der Insel darf nicht unterbewertet werden. Die Galeriebesitzer, die Fotokünstlerin Anna Gram Sørensen und ihr dänisch-neuseeländischer Mann Kerry Harm Nielsen, wünschen sich, dass die Besucher die Galerie als einen Spiegel erkennen, in dem sie sich selbst sehen und ihre Welt um sie herum, im Guten wie im Bösen. „Es ist ganz in Ordnung, wenn die Besucher die Galerie angerührt oder nachdenklich verlassen. Die Schönheit finden sie ja überall in der Natur hier drauβen,“ sagen die beiden Galeristen, die unter den anreisenden Künstlern dafür bekannt sind, dass sie hier umsorgt und verwöhnt werden. … Im Laden, der sich der Galerie anschlieβt, gibt es ein fachmännisch ausgewähltes Angebot an Designerobjekten und Kunsthandwerk. Hier wird viel Deutsch gesprochen, da die meisten Touristen auf Fanø aus Deutschland kommen, aber in zunehmendem Grad auch aus den nördlichen Nachbarländern und aus Holland.
Der Fond „Gamle Sønderho“ (Altes Sønderho) feiert sein 80-jähriges Bestehen in diesem Sommer, und am 20. Juli fand der Sønderho-Tag bei der alten Mühle statt, danach Fest im Versammlungshaus bis in den frühen Morgen. Hier wird getanzt: Sønderhoning, Fannik und Rask, die ältesten Paartänze in Dänemark. Hier geht es nicht um eine folkloristische Darbietung für die Touristen, sondern um eine lebendige Tradition, die auch den jungen Leuten viel bedeutet. Der bereits erwähnte Schriftsteller Jeppe Brixvold ist von einem romantischen Ernst beseelt, wenn er sich von der alten Fanøkultur faszinieren lässt, die diese Kraft auch auf andere Zugezogene ausübt. In seinem letzten Roman „Forbrydelse og fremgang“ (Verbrechen und Fortschritt) gibt es jedoch nur einen einzigen Satz, der auf Sønderho anspielt: „Da war die Januarsonne. Ich sah, kühl und weiβ, eines Morgens über das Wattenmeer, während ich in den lange erwarteten Schlaf fiel.“ Brixvold sagt: „ Ein Spaziergang am Strand macht die Gedanken wieder klar, wenn man sich in seinen Überlegungen verstrickt hat.“ Inzwischen ist Brixvold ein wahres Lexikon, wenn es um Fanøs Geschichte und Volkskunst geht. In seinem Gedicht „Øster Land“, das Sønderhos ältesten Teil zum Schauplatz hat, werden ganz verschiedene Zeiten und Aspekte des Lebens in Sønderho durchgespielt: von dem tragischen Tod auf See, über den geräucherten Fisch „Bakskuld“ zu den blanken BMW der heutigen Zeit und dem Dosenbier. Brixvold hat fünf Jahre in Sønderho gewohnt und die Bekanntschaft mit den alten Dichtern der Insel gemacht, z.B. Hans Brinch. „Er hatte groβen Ehrgeiz, aber sein Thema war so speziell, das er über die Insel hinaus nicht bekannt wurde. Interessant dieses anachronistische Verhältnis zu den Traditionen.“ Brixvold ist begeistert von der Tradition des Paartanzes Sønderhoning. „Wirbelnd! Wie ein Schiff auf dem Meer. Diese Tänze versetzen die Menschen in Trance. Man tanzt im Dreivierteltakt, aber die Musik spielt im Zweivierteltakt, das gibt dem Tanz einen eigenwilligen Charakter von Synkopen. Sønderho ist der einzige Ort in Dänemark mit einer ununterbrochenen Tradition für „Spillemandsmusik“, denn in vielen Familien wurde die Musik wie eine Meisterlehre vom Vater zum Sohn weitergegeben. Erstellen wir eine Landkarte über das Vorkommen von Gegenwartskunst, so muss Sønderho darauf deutlich vermerkt sein. Hier wird sie gelebt und mit ihr experimentiert, hier, in dem kosmopolitischen am Wattenmeer.
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